Isabel Karst


Ich heiße Isabel Karst. Ich bin bald 25 Jahre alt und ein ehemals betroffenes Kind. Bei der Trennung meiner Eltern war ich fünf Jahre alt. Seitdem war ich ein „Jugendamtsfall“, und zwar bis zu meiner Volljährigkeit. Über meine Erfahrungen und wie Kinder die Verfahren erleben, spreche ich in meinem Webinar Die Welt aus Kinderaugen, das ich ab März 2024 durchführen werde.

Das ist meine Geschichte:

Wir waren eine perfekte Familie in Berlins bester Wohngegend mit zwei beruflich sehr erfolgreichen Eltern mit Zwillingsmädchen. Es änderte sich allerdings alles als ich fünf wurde, denn nachdem mein narzisstischer Vater eine Affaire begann, tat er alles, um meine Mutter finanziell und emotional zu zerstören. Meine Mutter versuchte, mich und meine Schwester aus allem herauszuhalten, so dass wir das Chaos, das sich um uns herum entfaltete, nicht mitbekamen. Der Vater versuchte offenbar das Gegenteil, denn er verweigerte ausreichend Unterhalt, reichte Klagen ein und nahm uns letztlich unser Zuhause.

Das einzige, was ich damals mitbekam (oder mich noch erinnere) ist, dass wir umziehen mussten. Ich ging auf eine neue Schule, die ich liebte. Ich traf neue Freundinnen, mit denen ich jeden Nachmittag spielte, und meine Hauptbezugsperson war meine Mutter. Meine Kindheit war trotz der Trennung unbeschwert. An den Vater dachte ich kaum, außer wenn ich zu Umgängen ging, die sogar oft Spaß gemacht haben, weil wir meist Ausflüge machten. Nur seine neue Freundin mochten wir nicht. 

Der Überfall

Als ich neun Jahre alt war, änderte sich alles schlagartig. Nach der Schule wurde ich von meiner Mutter wie gewohnt abgeholt. Plötzlich parkte ein Auto hinter uns, und zwei Leute sprangen heraus, um mich und meine Schwester in ihr Auto zu zerren. Ich schrie, während ich versuchte, meine Autotür geschlossen zu halten und sah dabei, dass es der Vater und seine neue Freundin waren. Nach einer dramatischen Autoflucht, bei der wir von ihnen verfolgt wurden, gab es eine Polizeiübernahme mitten auf der Hauptstraße. Als wir völlig traumatisiert auf der Polizeistation saßen, überreichte ein Polizeibeamter meiner Mutter einen Eilbeschluss, der angab, ich und meine Schwester müssten mit dem Vater mitgehen – er hätte jetzt das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht (ABR).

Wie ich später erfuhr, log der Vater das Gericht an und behauptete, meine Mutter wolle uns in Ausland entführen. Hintergrund war ein Umzug innerhalb desselben Bezirks und eine geplante Spanienreise. Die Richterin log ebenfalls, als sie behauptete, sie hätte von unserer Mutter keine Belege für die Reise und den Umzug erhalten. Jedenfalls stellte sie dem Vater im Eilbeschluss, ohne dass meine Mutter Bescheid wusste oder dazu Stellung nehmen konnte, das ABR aus, was zum Überfall führte.

Die Zeit danach

Von einem Tag zum nächsten wurde mir meine Mutter – meine Hauptbezugsperson – weggenommen. Nach dem Überfall weinte ich mich viele Nächte in den Schlaf. Etwas, was keine Neunjährige jemals erleben sollte, aber es war ja für „das Wohl der Kinder“. Ich rief heimlich meine Mutter unter der Bedecke an, und jedes Mal versicherte sie mir, dass sie uns zurück nach Hause bringen würde, während ich bitterlich weinte. Dann hatte das Handy keine Batterie mehr – und ich keine Mutter.

Der Vater verweigerte nämlich Umgang. Nachdem ich immer wieder gefragt hatte, ob ich meine Mama sehen konnte und heimlich Briefe für sie bei meinen Schulfreundinnen hinterließ, durfte ich sie fast zwei Jahre später in begleitetem Umgang sehen. 

Sobald wir bei dem Vater wohnten, fingen die Manipulationen an, die unsere Mutter als schlechte Person und Feind darstellte. Jedenfalls kann ich mich seit dieser Zeit daran erinnern, weil die Manipulationen sehr stark waren: „Willst du sie wirklich sehen und weiteres Chaos verursachen?“ Ich war zu ängstlich gegen den Vater und seine Freundin zu sprechen. Meine Schwester schaffte es, trotz der Manipulationen (seltenen) Umgang durchzusetzen. Allerdings wurde sie von ihnen danach als “böses Kind” schlechter behandelt.

Nach nur 2 – 3 Umgängen durfte sie dann unsere Mutter nicht mehr treffen. Er log das Jugendamt an, meine Schwester habe Angst, meine Mutter zu treffen.

Der Vater schrieb uns von einem Tag zum anderen in eine neue Schule ein. Damit hatte er uns dann vollständig aus unserer gewohnten Umgebung entzogen. Unsere alten Freunde durften wir seit dem Überfall sowieso nicht mehr sehen. Die Manipulationen wurden so stark, und ohne Umgang mit meiner Mutter gaben wir letztendlich auf zu kämpfen. Das Gericht hat mich zwar angehört, aber nie zugehört, also habe ich die Hoffnung verloren.

Der Vater und dessen Freundin diktierten uns Briefe, die an das Gericht gingen, in dem wir schreiben mussten, wir wollen unsere Mutter nicht mehr sehen, weil sie uns Angst macht. Obwohl das überhaupt nicht stimmte und wir uns sehr schlecht dabei fühlten, schrieben wir diese Briefe aus Angst vor dem Vater und seiner Freundin. Diese Briefe wurden von der Richterin für wahr genommen. Die heimlichen Briefe aber, in denen ich schrieb, dass ich zurück zu meiner Mutter will nach dem Überfall, wurden vom Familiengericht zwar auch gelesen – aber ignoriert.

Wir liefen vom Vater weg

All die Jahre hat unsere Mutter nie aufgegeben für uns zu kämpfen, obwohl wir augenscheinlich den Umgang verweigerten. Wir taten und sagten, was der Vater und seine Freundin von uns hören wollten. Es wurde zu unserer Strategie, um dort zu überleben. Unsere Mutter wusste, wie schlecht es uns bei dem Vater ging. Wir entwickelten uns in der Zeit beim Vater von einst frechen und fröhlichen Kindern zu verschüchterten und ängstlichen.

Weil unsere Mutter nie aufgab, wurde irgendwann Schritt für Schritt der Umgang doch wieder eingeleitet. Erst begleitet und dann auch unbegleitet. Mit der Zeit und nachdem wir ihr im Vertrauen sagten, dass wir zurück zu ihr wollen, schmiedeten wir gemeinsam einen Plan. Drei Jahre nach dem Überfall liefen meine Schwester und ich von dem Vater weg und wurden vom Kindernotdienst aufgenommen (der sich übrigens sofort mit ihm solidarisierte).

Das Familiengericht

Nachdem meine Schwester und ich vom Vater wegliefen, mussten wir zunächst zurück zu ihm und anschließend in ein Heim, weil wir uns weigerten, weiterhin bei ihm zu leben. Anstatt mich zu meiner Mutter zu lassen, verschafften sie mich erneut in eine komplett neue Umgebung und trennten mich zudem auch noch von meiner Schwester. War das auch zum „das Wohl der Kinder“?

Aber meine Mutter hat immer noch nicht aufgegeben. Nach 4 Monaten Heim und insgesamt nach 3,5 Jahren durften wir endlich wieder bei unserer Mutter leben. Ich war dann 11,5 Jahre alt. Das Sorgerecht, dass meiner Mutter durch dieselbe Richterin ebenfalls im Eilverfahren ohne Kenntnis und ohne Anhörung entzogen wurde, bekam sie nie wieder zurück. Wir bekamen einen Vormund (der sich übrigens ebenfalls sofort mit dem Vater solidarisierte).

Wie es mir jetzt geht

Als betroffenes erwachsenes Kind kann ich mit Sicherheit und Klarheit sagen, dass das Familiengericht alles getan hat, um unser Wohl zu schädigen – nicht zu schützen. Von Eilbeschluss, zu Heim, zu Vormund. Jeder einzelne Beschluss hat uns immer und immer mehr Hoffnung genommen und unser Leben erschwert.

Jetzt lebe ich weit weg von allen Geschehnissen, in USA. Die Distanz hilft mir, diese Zeit zu vergessen und an meiner Selbstentwicklung, das in all den Jahren vom Vater und seiner Freundin sowie vom Familiengericht und seinen Helfern beschädigten wurde, zu arbeiten. Zwischenzeitlich hatte ich mich sogar geweigert, deutsch zu sprechen, denn alle meine Erlebnisse sind mit der deutschen Sprache verbunden. Hier in USA bin ich erfolgreich in der Schule, im College, jetzt in der Arbeit und habe eine enge Beziehung zu meiner Mutter und meiner Schwester, und ich habe viele Freunde. Mit dem Vater habe ich seit seitdem keinen Kontakt mehr und auch nicht das Bedürfnis.

Obwohl ich selten an die Geschehnisse denke, weiß ich, dass vieles unterbewusst in mir nagt. In den kommenden Jahren werde ich es wohl noch weiter aktiv verarbeiten müssen, um schlussendlich alle meine emotionalen Wunden vollständig zu heilen.

Dazu gehört, dass ich der Richterin gern ins Gesicht sagen würde, was sie uns mit ihrer Überheblichkeit und Fahrlässigkeit angetan hat. Solche Menschen sollten keine Richter sein!

Nicht alle Fälle enden mit Kindesentzug. Damit es nicht einmal in die Nähe dazu kommt, raten wir dringend, sich umfassend und so ‘un-emotional’ wie möglich zu informieren. In meinem Webinar Die Welt aus Kinderaugen sprechen wir darüber, wie die Verfahren, die Verfahrensbeteiligten und Sie als Eltern vom Kind wahrgenommen werden, warum Kinder so handeln und wie Sie das Verhalten Ihres Kindes besser verstehen können. 

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